Perceiving Nature(s): Epistemic, Artistic, and Political Practices as Contested Fields
Bei unserem letzten Termin begrüßten wir Claudia Luchetti und Benjaming Gleede aus Tübingen.
Claudia Luchetti startete mit einem Vortrag zum Thema: “To Be One with Everything, that is the Life of the Divine, that is the Heaven of Man.”
Visions of Nature between Poetology and Philosophy in Friedrich Hölderlin.
Im Hyperion versteht Hölderlin die Natur als eine alte und göttliche Einheit. Eine Natur, wie im antiken Griechenland, bevölkert von Helden und Halbgöttern, die in perfekter Harmonie mit ihr leben können. Auf einer tieferen Ebene verkörpert die Natur jene ursprüngliche Einheit, die durch die rein logisch-formale Reflexion des denkenden Subjekts – von der Hölderlin im Fragment Urteil und Sein spricht – verletzt wurde und das Ich aus seiner Welt herauskatapultiert hat.
Auch wenn die „Wiederherstellung der Dissonanzen”, die das menschliche Bewusstsein ständig wiederholt, ein asymptotischer Prozess ist, zeigt uns die Natur selbst den Weg zur Wiederherstellung der verlorenen Einheit, indem sie in sich selbst dieselbe Spannung divergierender Kräfte manifestiert, die jedoch in der Schönheit harmonisiert sind.
Die Aufgabe des Dichters besteht darin, das volle, einheitliche und absolute Leben der Natur durch ästhetische Intuition zu verdolmetschen. Die Herausforderung, vor der er steht, ist eine doppelte: Auf politischer Ebene geht es darum, die Einheit von Philosophie, Religion und Kunst in den Diensten einer Verfassung zu verwirklichen, die von der Idee der Schönheit beherrscht wird, einer Vision, die Hölderlin zusammen mit seinen Freunden Schelling und Hegel in Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus entwickelt hat. Auf sprachlicher Ebene besteht die Herausforderung darin, eine vereinheitlichende, begeisternde Sprache zu schaffen, in der Reflexion und Gefühl zusammenfließen und sich in einer einzigen Stimme ausdrücken, die gleichzeitig natürlich und menschlich ist.
Votrag von Benjamin Gleede aus Tübingen: "And, behold, it was very good". Perfection and perfectibility of creation in Ancient Christian exegesis of Gen 1
Eines der auffälligsten Merkmale des Schöpfungsberichts der Genesis ist wohl die penetrant wiederholte Billigungsformel "und siehe, es war gut". Warum es der Schöpfer nötig hat, sich in dieser Weise selbst zu loben, und dies angesichts der geringfügigsten Erzeugnisse wie Tiere oder Pflanzen, die außerdem offensichtlich keineswegs durchgehend gut sind, sondern durchweg in nützliche und schädliche zerfallen.
Angesichts dessen stellten sich antike christliche Autoren nicht nur die Frage, nach der genauen Bedeutung von "gut" in diesem Zusammenhang, sondern auch nach dem Sinn der ständigen Wiederholung der Formel. Für Basilius v. Cäsarea konnte "gut" nichts anderes bedeuten als "nützlich", ein Anspruch, der für die ganze Schöpfung nur in Form ihrer ethisch-pädagogischen Ausdeutung für den Menschen einzulösen war. Für Johannes Chrysostomus ist bereits der Genesistext selbst pädagogisch strukturiert und reflektiert keineswegs irgendwelche göttliche Selbstbestätigungen, sondern will dem Leser die göttliche Perspektive auf das Schöpfungswerk schrittweise vermitteln.
Für Augustin greifen solche pädagogischen Nützlichkeits- und Angemessenheitserwägungen insgesamt zu kurz: Für ihn führt die Textstruktur in die überall vorfindliche, allem Nutzen und Schaden zugrundeliegende metaphysische Seinsstruktur ein.