Ein volles Haus und ein lachendes Publikum: der Auftakt der neuen Schwerpunktvortragsreihe „Die Welt mit anderen Augen sehen“ im Museum der Wahrnehmung war ein voller Erfolg. Nach einführenden Worten von Sonja Rinofner-Kreidl unterhielt zunächst der Grazer Autor Max Höfler mit einer Liveperformance das Publikum. Ausgehend von Ernst Neuferts Bauentwurfslehre beschäftigte sich der Vortragende mit den Auswirkungen unterschiedlicher Raumordnungen und Raumgestaltungen (z. B. der konkaven Anordnung von Sitzreihen im Theater) auf die Wahrnehmungen und Gefühlszustände der Anwesenden. Die dabei angesprochenen Geborgenheitseffekte griff anschließend der Literaturwissenschaftler und Literaturhaus-Leiter Klaus Kastberger in seinem Vortrag über die österreichische (Anti-)Heimatliteratur auf. Bei der Vorstellung von vier aktuellen Romanen und ihrer Traditionslinien wurde es auch politisch. Der Vortragende zeigte, dass die Verwendung der Begriffe Heimat und Anti-Heimat auch eine Frage der Wahrnehmung ist, die durch politische Einstellungen geprägt sein kann. Im abschließenden Podiumsgespräch zwischen den beiden Vortragenden und Sonja Rinofner-Kreidl offenbarte sich die große Bandbreite des Phänomens Wahrnehmung: Während Autor und Literaturwissenschaftler die Sprache als universales Zeichensystem und zentrales Steuerungselement von Wahrnehmung sahen, vertrat die Philosophin Rinofner-Kreidl die Auffassung, dass sich in der Wahrnehmung etwas erschließt, das nicht in Sprache aufgeht, auch wenn es sprachlich in verschiedener Weise interpretierbar ist. Denn andernfalls ende unser Wahrnehmen in einem Turmbau zu Babel. Im Anschluss an das Gespräch ließen die Teilnehmer*innen den Abend mit einem geselligen Umtrunk und weiteren lebhaften Debatten ausklingen.
Max Höfler: Friedhof, Theater und Geborgenheit
Klaus Kastberger: Geborgenheitseffekte. Zu einer Bauentwurfslehre der aktuellen österreichischen (Anti-)Heimatliteratur
Moderation: Sonja Rinofner-Kreidl